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Behind the scenes beim Waldrappteam

Bis vor etwa 400 Jahren lebte ein schräger Zugvogel namens Waldrapp. Er verbreitete sich im gesamten Mittelmeerraum und migrierte unerschöpflich in engen Gemeinschaften/Kolonien zu verschiedensten Wintergebieten. Jedoch auf der Seite des Menschen gab es unterschiedliche Meinungen zu dem Vogel im „Rastafari Look“. Er war einerseits als Northern Bald Ibis bekannt – eine Kostbarkeit für Ornithologen. In der Türkei feierte man seine Rückkehr mit großen Festen oder im mittleren Osten galt er sogar als heilig und man war der Meinung er verkörpere die Seelen. Andererseits war der Waldrapp aber auch bekannt als eine Gourmet Spezialität zu Zeiten des hungernden Mittelalters und auch 30 jährigen Krieges. So starb er als Zugvogel primär aufgrund der übermäßigen Jagd aus. Nur noch vereinzelte sesshafte Populationen gab es vor allem in Marokko.

Das Waldrappteam, initiiert von dem Verhaltensbiologen Johannes Fritz, beschäftigt sich seit 2002 mit der langwierigen Aufgabe, diese charismatische Art wieder anzusiedeln. So kann eine der am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit wieder von uns Menschen eine zweite Chance bekommen. Er wird als Zugvogel angesiedelt, um ihm die Flexibilität für die heutzutage sehr schwankenden Umweltbedingungen zu gewährleisten. Und für den Waldrapp wurde eine ganz besondere Art des Artenschutzes überlegt.

Der Vogel wird von Hand aufgezogen und früh an die Geräusche und den Anblick von Ultraleichtflugzeugen gewöhnt. So wird den Ibissen in einer menschengeführte Migration die Route nach Orbetello, in der Toskana gezeigt. Als sehr sozialer Vogel, der in relativ großen Kolonien lebt, kann der Waldrapp leider seine Zugroute nur über die Eltern oder seine Bekannten erlernen. Demnach hat er wohl seinen Weg vergessen und ist bei seiner ersten Reise auf ein „menschliches Navi“ (die menschliche Orientierung) angewiesen. Wenn die Jungvögel in ihrem ersten Jahr nicht die Route lernen, bleiben sie höchstwahrscheinlich sesshaft.

Bis jetzt konnten schon mehr als 100 wilde Waldrappe angesiedelt werden (ab Ende des Jahres mit den gebrüteten Küken ca. 130). Diese noch nicht ganz stabile Zahl an Individuen migriert und brütet in den verschiedenen Projektstandorten/Brutgebieten.

Durch die Forschung während des Projekts können (und konnten auch schon im Bezug auf das Flugverhalten v.a. während der V Formation) einzigartige und aufschlussreiche Erkenntnisse gewonnen werden, welche für den Erhalt anderer Zugvogelarten bedeutend sind. Gerade auch im Bereich der Wilderei hat das Waldrappteam durch die Öffentlichkeitsarbeit schon einige positive Errungenschaften erzielen können. In den nächsten Jahren wird vermutlich ein Instant Poaching Alert System geplant sein, mit dem man bei einem Wildtier Jagddelikt sofort Polizei und andere Institutionen benachrichtigen kann.

Für weitere Informationen besucht die Website des Waldrappteams: www.waldrapp.eu

Im folgenden ein kurzer Einblick was alles bei solch einem Projekt an Aufgaben neben der Tierpflege ansteht. Ich durfte als Praktikant 1 Monat in das Trainingscamp Heiligenberg hinein schnuppern.

Tag 1

Der Tag begann heute mit einer grell weiß eiskalten Nebelgischt. Zitternde Hände, klappernde Beine. Ein kräftig gewürzter Tee wärmt gut und vertreibt die letze morgendliche Müdigkeit. Nach der ersten Fütterung und dem einzelnen Abwiegen, zog die Nebelschicht wie bald auch die jungen Waldrapp Schützlinge in den Süden und die Sonne ging auf. Wir besuchten die Gemeinde in Frickingen und den Bürgermeister in Heiligenberg, um Flyer auszulegen, damit noch mehr Menschen über das spannende Projekt erfahren und so sich über den Natur und Artenschutz begeistern können. Anschließend – Futterzubereitung: hunderte frisch gelieferte Schneckenhäuser müssen zerhackt und fein gemörsert werden. Die Zieheltern Anne und Helena und Freddie und Katharina konnten nun den Hunger ihrer kleinen schwarz grün schimmernden Flauschbollen stillen. Der aus Schneckenhäuser gewonnene Kalk wird dem Futter mit kleinen Esslöffeln beigemischt. Dies dient und stärkt nämlich den Knochenaufbau der Vögel. Nachdem alle 36 Waldis gestärkt wurden, spielten sie mit Teebeuteln und schleuderten sie hoch in die Luft. Nach einem anstrengenden Behaviour Training (damit sie das Stochern lernen für die Nahrungssuche in der freien Wildnis bringt man ihnen bei aus gelöcherten Holzscheiteln Mehlwürmer zu fressen) hieß es aber für die Waldrappe ab ins Bett!

Tag 2

Mit den Pfingstferien ballte sich heute ein großer Besucherandrang auf. Beinahe 30 Menschen in groß und klein, alt und jung wollten die Waldrappen beobachten. Wir haben uns von der individuellen Auftriebserzeugung der Vögel während der V Formation bis über den Zeltalltag des „Jugendcamps“ unterhalten. Das Einsammeln von schockgefrorenen Heimchen, Mehlwürmer „Gold“ sieben (damit sie nicht von den Verstorbenen infiziert und krank werden) und das Einkaufen von Zubehör für den Voliere Aufbau für die 4 jungen Schweizer Waldis, stand heute auf der To-Do Liste.

Tag 3

Wow! Heute knackten wir einen neuen Besucherrekord! Über 80 Menschen strudelten in das Trainingscamp Heiligenberg ein. 4 Besucher wollten schon am Morgen die Waldrappe beobachten, während wir gerade dabei waren den Rasen zu mähen, um das Camp ordentlich zu halten und auch eine Fläche für die neue Voliere frei zu bekommen. Bald sind nämlich die 4 jungen Schweizer Waldis soweit und dürfen, sobald die Voliere aufgebaut ist, erstmalig ihre Flügel flattern und Runden drehen.

Sie stammen im Gegensatz zu den 32 älteren nicht aus Rosegg (Kärnten), sondern aus Zürich, damit für die Wild Population eine größere genetische Variabilität gewährleistet werden kann.

Die schon etwas älteren Waldrappe im Vergleich (ca 2 1⁄2 Monate alt) haben heute schon zum ersten Mal die Flügel und die Fluggeräusche ihrer Mutter hören dürfen. Diese ist nämlich mit brummenden Ultraleichtflugzeug und mit aufmunternden Rufen: „Komm, komm Waldis komm, komm!“ neben der Voliere vorbei gefetzt.

Die schon etwas älteren Waldrappe im Vergleich (ca 2 ½ Monate alt) haben heute schon zum ersten Mal die Flügel und die Flüggeräusche ihrer Mutter hören dürfen. Diese ist nämlich mit brummenden Ultraleichtflugzeug und mit aufmunternden Rufen: „Komm, komm Waldis komm, komm!“ neben der Voliere vorbei gefetzt.

Tag 4

Zzzzzzt! Laut schnitt die krächzende Säge schon in frühen Morgenstunden das Holz. Da für das Camp einige Utensilien, wie zum Beispiel heute Schilder, Tisch und einen Stuhl benötigt werden, ist bei dem biologischen Artenschutzprojekt handwerkliches Geschick ebenso erwünscht. Zwischendurch kamen immer wieder mal Besucher von Nah und Fern vorbei. Dieses Mal sogar ein paar Reisende aus Neuseeland! Eine Hand voll eiskalte Heimchen wurden in Dosen verpackt. Doch eigentlich war der Tag mit dem ehrgeizigen Bohren und Schrauben und frischem Holz Duft erfüllt. 

Tag 5

Sobald die Sonne aufging sind wir alle sofort aus dem Bett gesprungen. Heute ist nämlich ein sehr aufregender Tag. Die schon fast ausgewachsenen Waldis dürfen  zum ersten Mal außerhalb der Voliere frei fliegen! Bei der morgendlichen Fütterung ahnten die neugierigen Langschnäbel noch überhaupt nicht was auf sie zu kommt. Nach kurzem Camp Aufräumen und Vorbereitung waren wir startklar. Oder auch nicht? Nein die Türe des Segelflugplatz ist abgesperrt! Jetzt konnten wir das Ultraleicht Flugzeug nicht herausnehmen und ohne Fluggerät ist der Freiflug nicht möglich. Da es äußerst wichtig ist, dass die Waldrappen ihre Zieheltern mit dem Fluggerät in Verbindung setzen, .damit die Jungvögel dann auch wirklich ihre Menschenmamas im August bei der großen Reise nach Orbetello, Toskana begleiten! Gott sei Dank kam nach ein paar Telefonaten ein Mitglied des Segelvereins der uns aufsperrte und das Flügel flattern konnte losgehen. Die Voliere geöffnet und die ganze Vogelscharr hob vor lauter Freude hoch in die Luft der Freiheit ab. Richtig schnell kreisten sie über uns umher. Nach einer Weile beschlossen die Ziehmütter, dass es genug war und riefen sie mit verlockenden Mehlwürmern her. Das funktionierte meines Erachtens erstaunlich gut! 

Nur Hedwig konnte ihre Abenteuerlust und inneren Drang zu Fliegen nicht stillen. Irgendwo außerhalb unserer Sichtweite ritt es den Vogel, wohl die Gegend noch mehr zu erkunden. Langsam machten sich alle Sorgen und wir haben begonnen Hedwig zu suchen. Ich machte mich auf in den Wald, denn es könnte sein, dass  der Vogel wegen seiner noch sehr mangelnden Flugerfahrung verschuldet in den Wald abgestürzt ist. Jedoch weit und breit nix zu sehen. Dann auf einmal ein Rascheln im Gebüsch.

 Ein Reh kam daher gesprungen aber leider nirgends ein Waldrapp! Doch dann –  endlich – etwas schwarzes im Himmel. Es ist Hedwig! Aber was tut  Sie ? Warum setzt sie  sich nicht zu den Zieheltern und den anderen Waldrappen? Was zum Teufel macht  sie  da auf dem Dach? Mehrere ermunternde und bittende Rufe. Aber Hedwig bleibt stur. Fast eine Stunde später verhielt ist der Vogel dann  doch kooperativ und das Team hat es noch rechtzeitig geschafft alle ihre Schützlinge  vor der großen Futterlieferung einzufangen.  

Tag 6

Wie schon öfter besuchte uns heute Früh der wahnsinnig nette Bäcker Robert und erheiterte uns wieder mit frischem ofenwarmen Brot! Wir stärkten uns mit Kaffee und zwei, drei Honigweckerl, bevor das Flugtraining startete. Die Waldis durften davor nicht Energie tanken, denn sie sollten, damit die Trainingsmotivation höher ist, ungefüttert mit leerem Magen sein. Um Punkt 9 Uhr ging es los. Der Verhaltensbiologe und Gründer des Projekts Johannes Fritz ist nebenbei auch Pilot. Und da er gestern von einem Vortrag bei einem Projektpartner in Italien in das Trainingscamp Heiligenberg angereist ist, kann heute zum ersten Mal mit Schirm und hoffentlich folgenden Waldrappen in die Luft abgehoben werden. Ganz beeindruckt  von der guten Erziehung der Vögel, der starken Prägung zu den Zieheltern und aufgrund des sehr gelungenen Flugtrainings haben wir alle anschließend mit einem Bier angestoßen. Um ca. 12 Uhr kam heute ein Tontechniker an, der gerne ein paar Aufnahmen von dem niedlichen Bettelrufen der Jungvögel machen mochte. Vor ein paar Monaten wurde nämlich von einem finnischem Filmteam einige Szenen über die Aufzucht gedreht. Jedoch haben sie anscheinend vergessen genügend Tonaufnahmen mitzunehmen. Das Aufnahmegerät war wirklich sehr sensibel und so mussten leider einige Versuche unternommen werden. Einmal störte das Fußgetrampel der Vögel und einmal war sogar leider mein mindestens 100m entferntes Ukulelen-Geklimper während meiner Pause für eine reine glasklare Tonaufnahme hinderlich.. Später während der Besucherzeit kam noch eine Gruppe von körperlich beeinträchtigten Personen vorbei. Fröhlich staunend und voller Begeisterung haben sie bei der Führung zugehört und den Waldrappen beim Spielen zugeschaut.  Da es keine Dusche gibt im Camp und es wieder mal Zeit wurde, schnell noch zum Freibad radeln und dann haben wir den Abend mit Grillen unter den leuchtenden Sternenhimmel ausklingen lassen.

Abschied

Bsssssssss. Täglich grüßt das Wespentier in meinem Wohnwagen und weckt mich schon in frühen Morgenstunden auf! Aber das ist auch gut so, denn wir sollten auch heute wieder früh munter sein, damit wir alle bei der Besprechung für das Flugtraining aufmerksam zuhören können. Heute heißt es Abschied zu nehmen. Es ist leider mein letzter Tag beim Waldrappteam. Der professionelle Pilot Walter Holzmüller, der schon bei einigen Paragleit – Wettkämpfen teilgenommen und gewonnen hat, ist schon zum Abheben startbereit. Über die Felder schwebten Vögel und das im Vergleich wenig aerodynamische Fluggerät zur nächst weiter gelegenen Lande Wiese. Die Waldrappen müssen bei jedem Training immer mehr gefordert werden, da es sonst schnell zu gewohnt und langweilig wird und sie dann lieber zum Beispiel wie Cleopatra  lieber mit Krähen abhängen. Das Bodenteam und ich verfolgte die Vogelscharr mit dem Waldrappteam Bus, ausgestattet mit Funk und Fernglas. So konnten wir beobachten wie sie sich verhalten und ob jeder Waldi brav den Zieheltern folgt. Eine weitere Aufgabe des Bodenteams ist gegebenenfalls Autos oder Spaziergänger/innen aufzuhalten und zu bitten wenn möglich einen anderen Weg zu wählen, damit die Waldrappen sich nicht vor zu viel Trubel fürchten und einen Schreck Flug bekommen. Cleopatra ist immer noch unterwegs! Zuletzt gesehen bei den Krähen – aber bedauerlicherweise auch Tage nach meiner Abreise noch nicht aufzufinden. Nach einer ca. 6 stündigen Zugfahrt bin ich sehr müde aber mit vielen Erlebnissen und Eindrücken in Salzburg angekommen. 

Am nächsten Tag, um das Praktikum abzurunden und auch noch ein paar Altvögel vor Auge und Linse zu bekommen, besuchte ich eines der 3 Brutgebiete des Projekts. Rund 27 Jungvögel sind bereits schon geschlüpft und werden von ihren wild lebenden Eltern aufgezogen. Einige werden noch folgen.

Danke an das Waldrappteam für die spannende Zeit während meines Praktikums! Ich habe viel gelernt und konnte einen einmaligen Einblick in ein Artenschutz Projekt bekommen, dass durch die innovative Idee und den charismatischen schrägen Vogel schon einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Die Biologen aber auch Geographen und Landschaftsplaner des Camps sind so engagiert und opfern ihren gesamten Sommer fern ab von Freunden und Zivilisation für die Aufzucht der Jungvögel, damit wieder die einst von uns Menschen ausgerotteten  Lebewesen eine neue  Chance bekommen. Durch die Öffentlichkeitsarbeit  wird auf die Wilderei aufmerksam gemacht , welche ja auch einige andere Arten betrifft .   Mit der Forschung werden Erkenntnisse gewonnen, die neue Wege für den Natur und Artenschutz eröffnen können. Ich drücke weiterhin die Daumen, dass viele Waldrappen den Weg schaffen und den nach wie vor primär menschlich verursachten Gefahren  (Stromtod durch ungesicherte Strommasten als primäre Todesursache)  aber auch den natürlichen Feinden trotzen.

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